• Normalerweise würde ich den Zeit-Artikel “Deutschland, entblättert“, der die Lage der Zeitungen in Deutschland überraschend klarsichtig & offen anspricht – dabei aber ein trauriges Bild malt – nach der Lektüre kurz per Twitter verlinken & “weiterziehen”. Das haben auch schon etliche Leute getan.

    Ich möchte aber kurz festhalten, wie ich diesen Artikel bemerkt, gefunden & gelesen habe. Gestern nachmittag erzählte mir eine Bekannte im Institut für Kommunikationswissenschaft vom Artikel, da sie ihn am Wochenende in der Zeit gelesen hatte. Online konnten wir ihn da nicht finden. Am Abend schaute ich noch kurz bei Twitter rein, fand dort den Link & las den Artikel. Auf meinem iPhone.

    Die deutschen Tageszeitungen haben innerhalb von zehn Jahren fünf Millionen Käufer verloren; wegen der Wirtschaftskrise schalten die Unternehmen erheblich weniger Anzeigen, Geld, auf das die Verlage angewiesen sind. Und dann gibt es da dieses Problem.

    »Das Internet«, sagt Mathias Döpfner, der Chef des Axel Springer Verlags.

    »Das Internet«, sagt der Verleger Hubert Burda, der hinter Focus und Bunte steht.

    »Das Internet«, sagt Bernd Buchholz, der Vorstandschef von Gruner + Jahr, Deutschlands größtem Zeitschriftenverlag.

    Wer nun an Nelson Muntz & sein “Your Medium is dying!” denkt, der mag seinen Spaß bei der Sache haben. Was mir Sorge macht, ist vor allem der erste Teil des Artikels: Dort wird die Lage extremst problematisch, wenn Unternehmensvertreter die stärkste Partei im Ort stellen, NPD-nahe Gratisblätter mit der Zeitung konkurrieren & die wenigen Journalisten kaum Zeit haben, die wichtigen lokalen Themen abzudecken. Dort gerät die Demokratie als solche durch fehlende / unzureichende journalistische Vermittlung extremst in Gefahr. Wer finanziert dort unabhängigen Journalismus – egal wie er letztendlich vermittelt wird!?

    Wenn Hardy Prothmann mit seinem heddesheimblog schon im beschaulichen Baden mit seinem Lokalangebot auf Widerstand stößt, dann möchte ich mal jemanden sehen, der in Anklam die gegebenen Probleme offen anspricht – und sich damit offensiv zur Zielscheibe macht. Hardy Prothmann hat sicherlich recht, wenn er sagt:

    Zustände wie in Anklam braucht kein Mensch.

    Bleibt die Frage: Wer soll diese Zustände ändern, kommentieren, begleiten, wenn selbst bezahlte, professionelle Vermittler dazu keine Zeit finden?

    Ein erster Schritt, denn ich für sinnvoll halte, wäre übrigens die Umschichtung: Online first, gedruckt nur noch wöchentlich. Dann bleibt auch Zeit (haha…) für Artikel wie den hier ausschlaggebenden.

    (Kleiner Tipp an den Nordkurier: Lieber nicht versuchen, fehlende Einnahmen durch Abmahnungen reinzuholen…)

    scissors
    scissors

2 Kommentare zu ““Bandarbeiter der Lückenfüllproduktion zwischen den Anzeigen””

  1. Guten Tag!

    Ich bin beim Surfen auf Ihren Kommentar gestoßen.

    Sie sprechen einen sehr wichtigen Punkt an: Alle mir bekannten kritischen Blogger oder Journalisten ohne einen großen Verlag im Rücken bekommen früher oder später Probleme durch die “Gegenseite”, gleich welcher Art.

    Private Personen können diesem Druck im Gegensatz zu professionellen Journalisten selten standhalten – und selbst die Profis habens schwer, wie das Beispiel des Sportjournalisten Jens Weinreich zeigt, der sich mit dem DFB angelegt hat.

    Die Lösung? Schwierige Frage. Hier und da wurde schon diskutiert, ob man nicht über eine Stiftung wenigstens lokal einen oder zwei Journalisten engagieren könnte, die von Bürgern unterstützt wird.
    Problem: Es muss Geld in dieser Stiftung zusammenkommen, der Journalist muss bereit sein, aufs platte Land zu ziehen und die Bürger müssen mitmachen.

    Leider ist es auch so, dass viele Bürger sich mit den Zuständen zumindest “eingerichtet” haben. Dass es auch anders geht, müssen Sie erst wieder lernen.

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

    Geschrieben von Hardy Prothmann am 02.12.09 um 02:05 . – AntwortenReply to this comment

  2. @Hardy Proth­mann: Hallo Herr Prothmann!

    Herzlichen Dank für Ihren Kommentar – damit hätte ich jetzt gar nicht gerechnet :)

    Das Beispiel “Jens Weinreich vs. DFB” war mir gar nicht eingefallen, zeigt aber treffend, wie schnell Äußerungen von Bloggern problematisch werden können.

    In meinem Heimatdorf bzw. der etwas weiteren Umgebung wäre ein lokales Blog neben der Quasi-Monopol-Lokalzeitung absolut sinnvoll. Mir würden auch dort (im eher unbedarften Emsland…) ein paar Stories einfallen, die den Zorn einiger “Ortsgrößen” auf sich ziehen dürften. So habe ich gerade in Gesprächen mit langjährigen Dorfbewohnern festgestellt: Unter den Mitarbeitern des größten Arbeitgebers in der Umgebung ist die Anzahl an Krebserkrankungen sehr hoch – und das seit vielen Jahren. Diese Tatsache ist bekannt & wird manchmal unter vorgehaltener Hand diskutiert. Das ist ein äußerst heißes Eisen, das wohl niemand anfassen möchte. Hier wäre eine eingehende Untersuchung & kritisches Nachfragen in meinen Augen absolut angebracht.

    Zudem gibt es viele “Kleinigkeiten”, die von den Bürgern einfach hingenommen werden. Wie Sie korrekt anmerken: Diese müssten die kritische(re) Auseinandersetzung wohl erstmal wieder lernen. Haben Sie in diesem Bereich bereits Erfahrungen mit dem Heddesheim-Blog sammeln können?

    Beste Grüße
    Markus Bertling

    Geschrieben von Markus am 02.12.09 um 16:26 . – AntwortenReply to this comment

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